Wenn man für die Fahrt von Berlin nach Paris den direkten Weg nimmt, kommt man durch Luxemburg und Belgien und landet in Frankreich im Gebiet zwischen Sedan und Verdun, das in den letzten Kriegen hart umkämpft war. Dort hat insbesondere der Erste Weltkrieg seine Spuren in Form unzähliger Soldatenfriedhöfe hinterlassen.
Einige davon wollten wir auch in diesem Jahr besuchen - jene, von denen wir wissen, dass da Soldaten aus Mehrow und Umgebung liegen.
Ein solcher Friedhof befindet sich in Sissonne, einem 2000-Seelen-Dorf im gleichnamigen Kanton im Arrondissement Laon (Département Aisne, Region Picardie). Der Ort liegt östlich der Autobahn A26, die St. Quentin und Reims verbindet, und ist von Feldern umgeben.
Wie in jedem französischen Dorf findet sich auch hier ein Kriegerdenkmal an zentraler Stelle: ein vom französischen Hahn gekrönter Obelisk, vor dem ein sterbender Bronze-Krieger liegt. Die Inschriften erinnern an die Gefallenen des Ortes im Weltkrieg 1914-1918.
Ein paar Ecken weiter findet sich dann auch schon der erste Wegweiser zum Deutschen Soldatenfriedhof bei Sissonne.
Dort ist Adolf Heise aus Eiche begraben, dessen Grab wir besuchen wollen.
Im Niederbarnimer Kreisblatt vom Herbst 1917 (!) haben wir unter „nachträglich gemeldet“ gelesen, dass er bereits am 14. September 1914 gefallen ist. Sein Name und dieses Datum stehen auch auf dem „Kriegerdenkmal“ auf dem Anger in Eiche. In der Datenbank des „Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ haben wir dann sein Grab gefunden:
Gefr. Adolf Heise, geb. 11.6.82 in Eiche,
gefallen 14.9.14 (nachträglich gemeldet am 24. August 1917)
Adolf Heise, † 14.09.1914
Name:Heise, Adolf
Dienstgrad:Gefreiter
Geburtsdatum/-ort: [lt. Verlustliste 11.6.1882 in Eiche]
Todesdatum/-ort: 14.09.1914
Grab: Kriegsgräberstätte in Sissonne [Frankreich], Block 3, Grab 318
Vom Dorf bis zum Friedhof ist es aber noch ein Stück - und auf diesem Stück passiert man einen großen, mit Verbotsschildern gespickten Truppenübungsplatz.
Als ob da nicht schon genug Tote unter der Erde liegen ...
Auf freier Fläche stößt man dann plötzlich auf zwei Friedhöfe: zunächst auf einen kleinen, mit einer flachen Feldsteinmauer eingefassten britischen Soldatenfriedhof. Dort stehen dicht gereiht die bei den Commonwealth-Soldaten üblichen weißen Steine mit den Daten der Gefallenen und ihren Regiments­abzeichen, manchmal noch ergänzt durch einen Spruch.
Vor den Grabsteinen ziehen sich kleine, tadellos gepflegte Beete hin, die dezent bepflanzt sind.
Nur durch eine kleine Hecke getrennt, schließt sich eine um ein Vielfaches größere Wiese mit eisernen Kreuzen an - der deutsche Soldatenfriedhof, auf dem insgesamt 14694 Soldaten liegen. Eine unglaublich große Zahl. Der Rasen ist frisch gemäht - man kann auf Volksbund-Friedhöfe kommen, wann immer man will: es ist alles gerade hergerichtet worden.
Dass die Steine beidseits der Pforte im kaum sichtbaren Friedhofszaun etwas bröckeln, wird bestimmt auch kein Dauerzustand bleiben. Das rot-weiße Band um das betroffene Mäuerchen zeigt, dass schon jemand Kenntnis davon genommen hat.
Das Namenbuch des Friedhofs, dass sich hinter der Bronze-Klappe mit dem Volksbund-Logo verbirgt, enthält dann auch wie erwartet die Angaben zu Adolf Heise, die wir bereits in der Datenbank gefunden haben: Dienstgrad (Gefreiter), Sterbedatum (14.9.1914) und Grablage (Block 3, Grab 318).
Leider ist weder hier noch anderswo der Sterbeort vermerkt.
Auf der riesigen Fläche aufgereihter Kreuze und einzelner Tafeln mit Davidstern für die jüdischen Gefallenen, die hier und da durch stattliche Laub- und Nadelbäume aufgelockert wird, wäre es ohne Kenntnis der Grablage eine Tages­aufgabe, ein bestimmtes Grab zu finden. Aber wenn man Block- und Grabnummer kennt, ist das kein Problem.
Am hinteren Rand des Friedhofs, nahe der einzeln stehenden Stele für den gefallenen „Leutnant der Reserve Otto Becker“ findet sich das gesuchte Kreuz mit der Aufschrift
„Adolf Heise, Gefreiter, +14.9.1914“.
Hier liegt also „unser“ Adolf Heise und teilt sich seit fast hundert Jahren Grab und Kreuz mit drei Kameraden.
Ein riesiges Hochbeet bildet die hintere Grenze des Friedhofs - ein Teil dieses Hochbeetes beherbergt ein Gemeinschaftsgrab für 3995 deutsche Soldaten, von denen 3885 unbekannt geblieben sind. Die wenigen, die identifiziert werden konnten, sind auf mehreren Bronzetafeln namentlich mit Dienstgrad und Sterbedatum aufgeführt.
Beeindruckt von der Größe des Friedhofs und seinem hervorragenden Pflegezustand geht es weiter - auf die andere Seite der A26, wo wir jenseits des „Chemin des Dames“ auf dem Friedhof in Soupir das Grab von Willy Maskiewitz aus Ahrensfelde aufsuchen wollen.