Wir kommen aus St. Quentin, wo wir einen Gefallenen aus Lindenberg besucht haben, und sind jetzt auf dem Weg zu einem weiteren Friedhof, der in der Nähe liegt.
Auf der D1029 in Richtung Amiens steht bald hinter der Autobahnbrücke rechts ein Wegweiser, der nach Maissemy zeigt, wo sich der von uns gesuchte Friedhof befinden soll.
Im Ort treffen wir dann auf die vertrauten Wegweiser mit dem Volksbund-Logo. Die führen uns durch den Ort und wieder hinaus auf eine dicht befahrene Landstraße.
Erst dort treffen wir auf den Friedhof, der sich entlang dieser Straße hinstreckt.
Zu sehen ist zunächst nur ein Parkplatz entlang der Straße und dahinter eine flache, Efeu-berankte Mauer. Da die etwas erhöht steht, kann man nicht gleich erkennen, was sich dahinter befindet.
Das ist aber zweifelsfrei die Friedhofsmauer.
Sobald man die Stufen vom Parkplatz auf den kleinen Weg parallel zur Mauer erklommen hat, öffnet sich der Blick auf ein riesiges Gräberfeld, auf dem die üblichen flachen, grauen Steinkreuze vorherrschen. Die sind in endlosen Reihen ganz exakt angeordnet, so dass sie immer genau in einer Reihe stehen, egal von wo man schaut.
Bemerkenswert ist an diesem Friedhof, der breite Mittelgang, der zu einem quaderförmigen Gebäude führt und an dem beidseitig große, dicke Platten liegen, auf denen die Namen und Wappen von Städten bzw. Landkreisen des Ruhr­gebietes vermerkt sind: Dortmund, Essen, Gladbeck usw.
Diese Platten geben uns jetzt erst mal Rätsel auf.
Die gleich am Eingang in den Boden eingelassene Bronzetafel erzählt uns, dass hier 30478 deutsche Soldaten des Ersten Weltkrieges liegen. Eine gewaltige Zahl, vor allem wenn man bedenkt, dass solche Friedhöfe hier ziemlich dicht beieinander liegen.
Aus der Einleitung des Namenbuches erfahren wir, dass dies nach Neuville-St. Vaast bei Arras (44833 Tote) die zweit­größte deutsche Kriegsgräberstätte des Ersten Weltkrieges in Frankreich ist und 1924 durch die französischen Behörden angelegt wurde. Aus 124 Gemeinden im Umkreis von 30 km wurden deutsche Gefallene hierher umgebettet.
Die Mehrzahl der hier ruhenden Opfer verlor ihr Leben während der Schlachten an der Somme von Juni bis November 1916 sowie im Frühjahr und Sommer 1918.
Allein in den ersten sieben Tagen der "2. Somme-Schlacht" Ende Juni 1916 schossen die Alliierten beim Versuch eines Durchbruchs aus mehr als 3000 schweren Geschützen weit über vier Millionen Granaten auf die deutschen Stellungen, was angeblich bis nach Deutschland zu hören war.
Eigentlich hat uns der wage Verdacht hierher geführt, dass hier ein Lindenberger Soldat bestattet ist, da ein Eintrag in der Volksbund-Datenbank auf ihn zu passen schien.
Aber zwischenzeitlich hat sich herausgestellt, dass der nicht hier an der Somme, sondern anderswo gefallen ist.
Der Friedhof in Maissemy ist aber auch so einen Besuch wert und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Und unter den 30000 Gefallenen ist vielleicht doch jemand aus unserem Gemeindegebiet ...
Der einleitende Text im Namenbuch hat auch das "Geheimnis" der Platten am Mittelweg gelüftet.
Die dort genannten Städte und Landkreise haben nach der im Jahre 1929 durch den Volksbund für Kriegsgräberfürsorge vorgenommenen Umgestaltung des Friedhofs eine Patenschaft für diesen übernommen.
In der Mitte des Friedhofs steht zwischen zwei großen Gemeinschaftsgräbern eine 1934/35 errichtete Gedenkhalle, in der ein großer Sarkophag mit eine Engelfries steht und dessen Decke ein Mosaik aus 340000 Steinen bildet.
Für unseren heutigen Geschmack ist das aber alles viel zu bombastisch und kaum Einladung zum stillen Gedenken.
In den Gemeinschaftsgräbern beidseits der Gedenkhalle ruhen insgesamt 15000 Gefallene. Die jeweils etwa ein Dutzend Bronzetafeln, die diese Gräber bedecken, tragen die Namen jener dort ruhenden Soldaten, die identifiziert werden konnten. Das sind gerade einmal 956!
Das Grab eines gefallenen Verwandten zu besuchen fällt mitunter schwer. Aber noch viel schlimmer ist es, nicht zu wissen, ob und wo der vermisste Verwandte bestattet ist.
Wir suchen heute nach unseren Großvätern und Urgroßvätern, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind und sind betrübt, wenn wir sie nicht finden.
Aber es haben vor hundert Jahren zigtausende Frauen vergeblich nach ihren Söhnen oder Männern gesucht und viele sind daran zerbrochen.
Insofern ist es sehr tröstlich zu sehen, dass den Toten dieses sinnlosen Krieges, egal ob bekannt oder unbekannt, und unabhängig davon, ob sie begeistert oder gezwungener­maßen in den Krieg gezogen sind, mit ordentlichen Grabstätten auf stets tadellos gepflegten Friedhöfen eine würdige Ruhestätte gegeben ist - sofern sie denn von den Schlachtfeldern geborgen werden konnten.
Wie viele sind aber noch an unbekannter Stelle verscharrt?